Aus der Schreibwerkstatt: Maries Tagebuch

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Maries Tagebuch

Tag. Also ich bin Marie, fast neun Jahre.

Ich hab mich heute so geärgert, dass ich es aufschreiben muss. Als ich früh in die Schule kam, froh gelaunt, weil ich eine Sportbefreiung hatte, sagte Luise zu mir: „Hast Du schon gehört? Fasching fällt aus!“ Na super, dachte ich. Da hat man einmal Spaß in der Schule, freut sich auf die blöden Cowboy-Kostüme der Jungs, und dann das. „Wieso, was ist denn passiert?“, fragte ich Luise und ließ mich entnervt auf meinen Stuhl plumpsen. Schon am frühen Morgen solche Nachrichten, das konnte ja heiter werden. Luise ließ ihre rote Kaugummiblase knallen, schob ihren Hintern auf meinen Tisch und rollte geheimnisvoll mit den Augen. „Mach es nicht so spannend, Lu! Ist jemand gestorben oder warum dürfen wir keine Party machen?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, machte ein wichtiges Gesicht und buchstabierte betont langsam: „L-U-S-T. Die haben keine Lust.“ Was war das denn für ein Mist? Wie kann man keine Lust auf Fasching haben? Okay, das Verkleiden ist so eine Sache, das mag man oder nicht. Aber Party! Hallo? Die Schule auf den Kopf stellen, nicht wegen jedem Kram angemeckert werden, laut sein wie man will… „Moment mal, wer hat keine Lust? Die Jungs? Oder die Lehrer?“ „Die Lehrer natürlich“, sagte Lu, „wer sonst?“

In diesem Augenblick klingelte es zur Stunde, die Tür schwang auf und Frau Stöckel schwebte herein. Eigentlich hieß sie Möckel, aber da sie immer diese riesighohen Bleistiftabsätze an ihren Schuhen trug, hatten wir sie umgetauft. Ich wunderte mich, wieso sie schwebte, denn normalerweise trippelte sie immer über den gepflasterten Schulhof und schrie irgendetwas zu den weit entfernten Kindern, weil ihr lange Wege zuwider waren. Kein Wunder, bei diesen Schühchen. Heute hatte sie ausnahmsweise knallrote Ballerinas an den Füßen und – o Gott – ein weißes Tüllkleid mit roten Punkten an. Darunter trug sie ein Petticoat, das kenne ich von meiner Oma, die hat so was noch in ihrem Kleiderschrank zu hängen.

Als ich diesen Unterrock in den letzten Ferien entdeckt hatte, rief Oma: „Sei vorsichtig, mein Kind, in dem Ding hängen so viele schöne Erinnerungen, mach es nicht kaputt!“ Ich lachte, zog es vorsichtig vom Bügel und probierte es an. Es gefiel mir nicht besonders, aber als Perücke machte es sich hervorragend. „Darf ich es zum Fasching anziehen, Oma?“ rief ich in Richtung Küche, in der ich die Töpfe klappern hörte. „Meinetwegen, aber mach nicht so wild,“ antwortete sie. „Ja, ja!“ Ich drehte mich vor dem großen Eichenholzspiegel hin und her, machte einen Kussmund und Klimperaugen. Wenn ich jetzt noch den braunen Weihnachtsmanngeschenkesack umfunktioniere und mich schwarzweiß schminke, dann hab ich das beste Gruselkostüm der Klasse. […]

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