Aus der Schreibwerkstatt: Mardi Gras

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Mardi Gras

Frühlingsmorgen in New Orleans. Die Sonne schien durch alle Ritzen der kleinen Villa.

Plötzlich donnerte es an der Tür und ließ die Langschläfer hochfahren. Ach, nur der Zeitungsjunge, der wieder die „Times-Picayune“ mit zu viel Schwung über den Zaun geworfen hatte. Beruhigt nochmal in die Kissen sinken und sich von den Sonnenstrahlen kitzeln lassen. Was gibt es Schöneres, als mitten im Februar bei 25 Grad Celsius im Schatten an die 8000 Kilometer entfernten Freunde zu denken, die am Schmuddelwetter der Großstadt leiden?

Im Halbschlummer hörten sie Musik aus der Ferne heran marschieren. Etwas schräg quäkten die Trompetentöne darüber hinweg. Was, schon so spät? Aufspringen, sich etwas überziehen, die Tür aufreißen und über die Zeitung stolpern war eine Bewegung. Da – am Ende der St. Charles Avenue, der berühmtesten Straße des Garden Districts, glitzerten die auf Hochglanz polierten Instrumente. Die ersten Wagen der morgendlichen Parade schaukelten bunt geschmückt und zweistöckig hinter der Marching Band her. Der Tambourmajor schwang mit energischer Geste den Stab und herrschte mit rauer Stimme die Tanzmädchen vor ihm an, die den Takt verloren hatten. Blauweiße Röckchen über braunen Beinen. Strenge Anweisungen von Uniformierten scheuchten die Zuschauer auf ihre Plätze zurück.

Vor jeder Haustür entlang der Paradestrecke lagerten Dutzende Familien, die mit Piqueniquekörben und Kühltaschen gekommen waren. Die Straßenbahngleise in der Mitte der Fahrbahn waren seit Tagen wegen der Paraden blockiert und wurden zum Treffpunkt für Freunde und Kollegen. Zur Straße hin waren für die Kinder Leitern mit Sitzen aufgestellt, damit sie die von den Wagen herab geworfenen Kuscheltiere, Perlenketten, Becher und Doubloons besser auffangen konnten.

Was für ein Fest in Purpur, Smaragd und Gold. Die Farben des Karnevals. Happy Mardi Gras.

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  1. Eine hübsche Geschichte.
    Noch packender wäre sie im Präsenz, glaube ich. Es sind bewegte Augenblicksbilder, funkelnd und sinnlich. Im Präsenz wäre der Leser noch mehr „drin“.
    Allein schon für diesen Satz liebe ich sie: „Etwas schräg quäkten die Trompetentöne darüber hinweg.“ Der ist richtig gut!

    • Vielen Dank!
      Stimmt, im Präsens zu schreiben, wäre eine Überlegung wert… Ist mir damals gar nicht in den Sinn gekommen, mit Zeitformen zu experimentieren, das habe ich erstmals in diesem Sommer ausprobiert.
      Mit Lieblingssatz sogar, ich fühle mich geehrt!
      Es ist ein eingefangener Moment, vielleicht webe ich später mal was draus.
      Danke für den Besuch und bis bald!

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