Schreibwerkstatt: Schauschwemmen

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Schauschwemmen

Was tun an einem heißen Sommertag im oberösterreichischen Mühlviertel?

Vielleicht diesem Rat folgen:

…Der Vorschlag unserer Wirtin kam gerade recht, die uns riet, in den Böhmerwald hinaufzufahren und in der Kühle des Waldes zu erleben, wie die Waldarbeiter 100 Jahre lang Brennholz nach Wien transportierten. Wir, Marie, Albert und ich, fuhren Richtung Aigen zum auf der Höhe gelegenen Haagerhof, von dem rechtsab ein Waldsteig zur tschechischen Grenze führte. Hohe Fichten standen dicht beieinander. Vögel zwitscherten munter und die Baumwipfel ließen gerade so viel Sonnenlicht hindurch, dass wir die Heiterkeit des Sommers genießen und die brütende Hitze vergessen konnten. Manchmal ließ sich der Wanderweg schwer erkennen, weil Forstarbeiter mit ihren riesigen Maschinen die Erde zu matschigen Furchen aufgewühlt hatten. In der Ferne hörten wir Blasmusik. Hatte das Schauspiel schon begonnen? Marie eilte voraus und sah als erste den Schwemmkanal am Iglbach.

Dutzende Zuhörer drängten sich auf der Holzbrücke und am Kanal entlang und lauschten den Ausführungen des Schwemmdirektors, der mühelos zwischen deutschen und tschechischen Sätzen hin und her wechselte. Auf der kleinen Brücke staken 20, 25 Schwemmhaken, jeder an einem zweieinhalb Meter langen Holzstiel, befestigt, hoch in die Luft. Der Direktor erzählte davon, dass die Wiener Bevölkerung vor 250 Jahren, als der Wienerwald längst abgeholzt war, entsetzlich unter der Winterkälte litt. Gleichzeitig bot der Böhmerwald begehrten Reichtum an Brennholz, aber niemand hatte eine Idee, wie das Holz den langen Weg nach Wien zurücklegen könnte. Denn zwischen dem Böhmerwald und Wien liegt der Waldkamm, die Kontinentale Wasserscheide, die die Flüsse des Nordhanges in die Nordsee und die Flüsse des Südhanges ins Schwarze Meer führt. Das Wasser  braucht 13 Tage, um über Moldau und Elbe in die Nordsee zu gelangen und 32 Tage, um über die Donau ins Schwarzen Meer zu fließen. Moldau und Donau mussten also miteinander verbunden werden und Forstingenieur Rosenauer kam der Gedanke, einen Kanal zwischen beiden bauen zu lassen. Er bat den Fürsten Schwarzenberg um Unterstützung und der von vielen belächelte und doch so geniale Plan eines ausgeklügelten Systems von Schleusen, Kanälen und angestauten Seen wurde wahr. Für einhundert Jahre versorgte der Böhmerwald die Hauptstadt Wien mit Holz.

Wir waren längst hinzugetreten und staunten über die unglaubliche Geschichte, hörten deutsche und tschechische geflüsterte Wortfetzen der Besucher, die bunt gemischt im alten Niemandsland des Kalten Krieges standen. Vor uns das zweisprachige Schild: Achtung Staatsgrenze! Mit dem tschechischen Staatswappen. Vor 25 Jahren trennte dieser Wald als Eiserner Vorhang Ost und West und die Einheit des Böhmerwaldes zerbrach…

Mehr über das idyllische Mühlviertel wieder hier auf diesem blog!

Weiterhin schöne Ferien!

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