Schreibwerkstatt: Sommerfrische

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Sommerfrische

Den Sommer verbrachte Micha wie immer bei seiner Großmutter auf dem Lande, nicht weit von Berlin, in R. Er freute sich schon lange vorher auf diese Zeit, spätestens ab Ostern, wenn der Frühling selbst in der tristgrauen Großstadt zu spüren war…

Micha war fast zwölf, ein dünner, sehniger Junge mit glattschwarzen Haaren in von der Mutter selbst genähten Hosen. Er hatte schöne braune Augen mit langen Wimpern wie ein Mädchen. „Du mit deinem Dackelblick“, sagte die Mutter lächelnd, wenn sie ihm etwas zu verzeihen hatte und zog den Sohn in ihre warmen, weichen Arme. Sie wohnten damals in Berlins Norden, im Wedding, einem alten Arbeiterbezirk. Im Zweiten Weltkrieg waren die Straßen völlig zerbombt worden, nur die Keller und Parterres waren noch bewohnbar. Darüber erhoben sich Ruinen…

Einen Fernseher gab es bei der Großmutter in R. nicht, dafür aber den Kinomann, der einmal wöchentlich mit seinen großen Filmrollen in das Dorf kam und im Gemeindesaal die große weite Welt vorführte. Die Jugend, darunter auch Micha und sein Bruder, strömte begeistert zur Vorstellung, denn viel Abwechslung gab es sommers nicht. So begannen die Ferien bei der Großmutter, die eine große, ernste Frau mit preußischen Grundsätzen war. Sie konnte auch liebevoll sein, aber durch ihre Sparsamkeit in Allem und Jedem wirkte sie spröde und streng. Ihre bis ins hohe Alter dunklen Haare wand sie in einen Dutt am Hinterkopf.

Morgens ließ sie die Kinder lange ausschlafen, was bei dem Lärm auf dem Lande fast eine Kunst war. Erst krähten endlos die Hähne, dann muhten die Kühe und gackerten die Hühner. Allmählich erwachten auch die Menschen, vereinzelte Lieferwagen tuckerten die staubige Dorfstraße entlang und die Morgenglocken der uralten Kirche schwangen müde hin und her. Die Großmutter, sie selbst werkelte längst irgendwo im Hause, hatte den Jungen das Frühstück hingestellt, schwarzes Brot, Margarine und Milch. Nach dem Essen räumten die Kinder das Geschirr in den Spülstein und rannten durch die hintere Tür in den Garten… Die Sommertage vergingen…

Eines Morgens wurde die sonntägliche Ruhe durch Großmutters energische Schritte gestört. Sie lief durch das Haus, weckte Micha und seinen Bruder und wirkte noch ernster als sonst. Wortkarg wies sie die Jungen an, sich beim Frühstücken zu beeilen. Währenddessen ging sie in das Schlafzimmer, holte zwei kleine Rucksäcke vom Schrank und packte die Habseligkeiten der Enkel ein. Verwirrt ließen die Kinder alles mit sich geschehen. Eigentlich waren die Ferien erst in zwei Wochen zu Ende, warum also der überhastete Aufbruch? Was war geschehen? Die Großmutter vergaß sogar, das Häuschen abzuschließen, was ihr noch niemals passiert war. Sie setzte jedem Kind einen Rucksack auf den Rücken und nahm beide an die Hand. So kamen sie zum Bahnhof, der so klein war, dass er nicht einmal einen richtigen Bahnsteig hatte. Als die Kinder während der Fahrt die Fenster öffnen wollten, herrschte sie die Großmutter an, dass sie sich schmutzig machen würden. Sie ließen es bleiben, setzten sich brav auf die Holzbank und spielten verlegen mit ihren neuen Indianerfiguren.

In Bernau stiegen alle drei ohne Aufenthalt in die S-Bahn Richtung Berlin um. Sie mussten bis zur Wollankstraße fahren. Dort angekommen, war alles anders als sonst. Überall Uniformierte mit Gewehren im Anschlag. Ungewöhnlich viele Menschen drängten aufgeregt und mit Koffern beladen zu den Ausgängen. Die Großmutter packte die Hände der Jungen so fest, dass es schmerzte. Sie nahmen die Treppe und ließen sich von der Menge schieben. Die Großmutter zog die Enkel neben sich her. Vor dem Bahnhof waren Panzersperren und mit Stacheldraht umwickelte Absperrgitter im Zickzack aufgebaut. Männer gestikulierten wild, Frauen schrien und schluchzten. Auf der Brücke, die die Straße überspannte, fuhr selten eine S-Bahn, der Bahnhof war völlig überfüllt. Die Absperrungen reichten bis zu dieser Brücke und dahinter, Richtung Westen, standen ebenso viele Männer, Frauen, Kinder. Sie winkten mit Taschentüchern, hielten Zettel in die Höhe und riefen Unverständliches herüber. Die Großmutter schob die Kinder zu einem Transportpolizisten und redete auf ihn ein. Der schüttelte den Kopf und verzog keine Miene. Mehr Erfolg hatte sie bei einem Kampfgruppenanghörigen. Dieser verwies sie an einen der vielen herumstehenden Krankenwagen, vor dem mehrere Krankenschwestern warteten. Auf ihren Hauben prangte leuchtend das Rote Kreuz. Endlose Formalitäten. Auf einmal küsste und umarmte die Großmutter die Kinder und führte sie zu einer dicken, mürrischen Krankenschwester, die sie in Empfang nahm. Links und rechts von ihr durchwanderten Micha und sein Bruder die Sperren und erkannten plötzlich auf der anderen Seite ihre Eltern, die zugleich weinten und lachten.

Es war der 13. August 1961.

Michael sah seine Großmutter nie wieder.

(Der vollständige Text ist in der Sonderedition „Über Grenzen“ enthalten.)

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