Versunkene Schätze / Hidden treasures: Hagestolz

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In this column „Versunkene Schätze“ I describe hidden words, i.e. „old“ and unusual words.

Mit spitzer Feder kämpfe ich für die Erinnerung an verschwundene Wörter der deutschen Sprache. Deshalb werden in meinem blog unter dem Titel „Versunkene Schätze“ in losen Abständen Wortschätze ans Licht gehoben. Viel Vergnügen beim Entdecken!

In einer internetausfallbedingten (sic!) Pause habe ich eine kleine Umfrage gestartet und festgestellt, dass bei den meisten Mitmenschen die Nennung des wunderschönen, alten Wortes  Hagestolz doch eher zu Schulterzucken oder stotternden Erklärungsversuchen führte. Aber: Es naht Hilfe! Auch dieser versunkene Schatz wird hier gehoben – und der Gedanke an Wasser und Abkühlung soll Dich, lieber Leser, durch Hitze und Unwetter dieser Tage begleiten.

Schon seit dem Mittelalter ist laut Grimm der Begriff Hagestolz bekannt.  Der Ursprung des Wortes wird im Altgriechischen und Gotischen verortet und bezeichnet eine juristische Konstellation. Allerdings verwischte die eigentliche Bedeutung des Wortes im Laufe der Zeit und so wurde fälschlicherweise unter einem Hagestolz ein Mensch beschrieben, der auf seinen Hag stolz ist.

Nun zur tatsächlichen Bedeutung: Im altdeutschen Erbrecht erbte der Erstgeborene nach dem Tod des Vaters den Hof mit allen Rechten. Er musste aber den Nachgeborenen ein Hag (hier: ein Nebengut) zur Verfügung stellen und war deren Vormund. Die jüngeren waren also vom ältesten Bruder abhängig und waren ihm zur Heerfolge verpflichtet. Aus Westfalen wird berichtet, dass die jüngeren Brüder sogar nur Unterhalt bekommende Dienstboten des ältesten Bruders waren und einen dermaßen kleinen, mit einer Hecke umzäunten Gutsteil (= „Hagestolle“) erhielten, der es unmöglich machte, dass sie einen eigenen Hausstand gründeten.

Diese rechtlichen Zusammenhänge erklären auch, warum in Teilen Schwabens „die hurensöhne hagestölze hieszen“, weil die fehlende eheliche Geburt die Gründung eines eigenen Hausstandes verhinderte.

Später  bezeichnete  Hagestolz jemanden, der noch unverheiratet war, gleich welchen Geschlechts. Das heißt auch, dass diese Person kein voll berechtigtes Gemeindemitglied war. Man sagte auch in adjektivischer Benutzung: „ain hagstolz kneht oder jungfrowe“. Weiterhin werden ältere Junggesellen so benannt, „der über die gewöhnliche zeit hinaus das eingehen einer ehe verzögert hat“. Im rechtlichen Sinne betraf dies in der Gegend um Celle einen Mann im Alter von 50 Jahren, drei Monaten und drei Tagen. Im Odenwald zählten die Burschen ab 25 Jahren, die nicht heiraten wollen, zu den Hagestolzen.

Und das ist die Bedeutung, die uns heute vielleicht nicht mehr so geläufig ist, die wir aber nachlesen können bei Lessing oder Goethe. E.T.A. Hoffmann beschreibt ihn laut Grimm folgendermaßen: „ein alter hagestolz, alle gebrechen seines standes in sich tragend, geizig, eitel, den jüngling spielend, verliebt, geckenhaft…“

Und? Jemanden in der Beschreibung wiedererkannt?

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    • Hat mich auch sehr erstaunt. Ich dachte eher an einen unverheirateten, und „hageren“ Mann. Und mit allen unangenehmen Eigenschaften, die E.T.A. Hoffmann schon aufgezählt hat…

  1. Beim Aufräumen bin ich übrigens grad über ein Buch „Bilderbuch für Hagestolze“ gestolpert.
    Es ist von 1874 und enthält so illustre Sprüche wie:
    „Das Predigen ist Frauenrecht,
    Durch Widerspruch kurirt man’s schlecht;
    D’rum lass‘ dem Zünglein seinen Lauf,
    Wenn’s müd wird hört’s von selber auf.“

    😉

  2. haha, 1874, das waren noch zeiten… da fühlten sich die hagestölze noch wohl;-) gibts eigentlich auch ein bild zu dem spruch – und was lernen wir für die heutige zeit? einfach weitermachen! wo räumst du eigentlich auf, dass du solche ergötzlichen schriften findest?

  3. Pingback: Such mich / Search for me No. 3 | andreamaluga

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