Schreibwerkstatt: Schrebers Kinderfest

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Schrebers Kinderfest

Der Garten meiner Kindheit befand sich nur ein paar Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Es war ein schmales, langes Stück Land, nicht durch Zäune, sondern durch kleine Wassergräben von den Nachbarn getrennt.

Jeden Sonntagvormittag packten wir in die Kühltasche Butter, Käse, Salami und zwei Flaschen Bier, legten die vorbereiteten Kühlakkus darauf und verabschiedeten uns für einen Tag von der immerlauten Hauptstraße. Gleich hinter dem nächsten Karree endete die Großstadt und entließ den Blick auf einen weiten sommerblauen Himmel, der in einem grünen Saum über den Gärten saß. Überall leuchteten Rosen, gelbe und blaue Pflaumen, Rhabarber, rote, saftige Äpfel, süße, weiche Birnen, köstliche Erdbeeren, rankten Tomaten. Die Pforten standen immer offen und hießen die Nachbarn willkommen.

[…]

Unser Garten war so schmal, dass sich alles hintereinander staffelte, erst eine Wiese mit einem heftig von Bienen und Wespen umschwirrten Birnbaum, der die süßesten Birnen trug, die man sich vorstellen kann und einem Apfelbaum, dessen Früchte erst im Oktober rot, reif und saftigsauer waren. Dahinter das von meiner Mutter wegen der vielen Arbeit verfluchte, schneckenbesetzte Erdbeerfeld und die Rosenbeete mit schwerköpfigen alte Sorten in betörendem Duft .

Dann folgte die Laube, ein ausgedienter, halbierter Eisenbahnwaggon ohne Räder, der auf ein Podest montiert war und nur einen Raum hatte. Unter diesem Podest wohnte zeitweilig eine raschelnde Igelfamilie, die ohne Scheu bei unserem Eintreffen regelmäßig vorbei paradierte. Ein Küchenschränkchen wölbte sich aus dem hinteren Fenster der Laube. Das vordere Fenster, nach oben zu öffnen, diente gleichzeitig als Durchreiche zur Veranda, die ringsherum verglast, das Meisterstück meines Onkels war. Er hatte uns auch den Tisch und die Klappstühle aus Holz besorgt, die er hellblau angestrichen und mit einem roten Kreis auf der Sitzfläche versehen hatte.

Neben der Laube war der Weg, begrenzt von rankenden Rosen. […] Im hinteren Teil des Gartens war ich selten, außer zum Besuch des Plumpsklos, das von Heerscharen grünblau schillernder Fliegen bewohnt war und dessen Inhalt einmal im Jahr mit viel Aufwand ausgepumpt und dem Jauchewagen anvertraut wurde. In der Mitte der Wiese stand ein Pflaumenbaum mit gelben Früchten, an dessen Stamm meine Zinkbadewanne lehnte. Zu den Nachbarn hin verteilten sich mehrere Büsche am Rand; Stachelbeeren, rote und weiße Johannisbeeren. […]

Meist war ich unterwegs, spielte bei den Nachbarskindern oder schnürte mit Milo, meinem Freund, irgendwo in der Kolonie umher. Am schönsten waren die Sommerfeste. Für das Kinderfest am Nachmittag warf sich besonders ein benachbarter Architekt ins Zeug. Er holte aus seinem Atelier Staffeleien für großformatige Bilder, die wir bemalen konnten, während seine Frau von einem Ende des Festplatzes bis zum anderen eine gelbe Wäscheleine spannte, damit die Kunstwerke der Kinder unbeschadet trocknen und von allen bewundert werden konnten. Ein Clown trat auf. Alle, Große und Kleine, übten sich lachend im Sackhüpfen, Tauziehen und Eierlauf. Abends floss viel Alkohol für die Erwachsenen. Ein Nachbar, ein alter Mann, der aussah wie ein Seebär, holte sein Schifferklavier hervor und spielte die halbe Nacht, bis der betrunkene Eisenbahner mit seinem kippelnden Stuhl rückwärts in den Graben fiel.

Und am nächsten Tag schien wieder die Sonne. Wie immer in jenen Tagen…

(Dieser Text ist bisher unveröffentlicht.)

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  1. Was für eine zauberhafte Geschichte!!! Ich konnte die Rosen sehen und vorallem dieser Duft und die Apfelbäume… Ich konnte durch Euren Garten wandeln. Traumhaft!
    Ich habe Dich auf dem Foto erkannt 😉 Die Kleine sieht Dir ja sooo ähnlich.
    Ich freue mich so über Dein Buch, dickes fettes DANKE…
    Ganz liebe Grüße, Suse von gegenüber.

    • Das find ich schön, dass ich Dich in meinen alten Garten entführen konnte;-) Freut mich, die Familienähnlichkeit – da kann ichs wohl nicht verleugnen… Und gern geschehen, die kleine Buchgabe. Würde mich freuen, wenn Du sagst, was Dir ge- oder missfällt. Heute hab ich was Größeres angefangen zu schreiben, mal sehen, wo es mich hinführt. Bis bald und liebe Grüße! Andrea.

  2. Oh was für eine zauberhafte Geschichte!!
    Man spürt förmlich die Wärme des Sommers, das Zirpen der Grillen und das Lachen der Kinder.
    Vielen Dank.

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