Schreibwerkstatt: Sonntagskind

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Sonntagskind

Mama, bist du da?

Ich höre deine Stimme. Ja, jetzt spüre ich dich. Sieh mal, ich habe keine Schmerzen in den Händen. Ich kann sie besser bewegen als vor der Operation. Schade, dass ich noch nicht aufstehen kann.

Mama? Ach, ich bin zu schwach, vielleicht in ein paar Tagen. Schön, dass du gekommen bist. Danke für die Blumen, ich liebe sie. Heute habe ich Geburtstag, 61. Schon eine ältere Dame. Aber nur für andere, für dich bin ich immer die junge Frau. Ein Sonntagskind.

Weißt du noch, die Sommer an der Ostsee? In dem Wohnwagen? Erst im letzten Jahr mussten sie ihn abbauen. Ich durfte immer meine Freundinnen mitnehmen, es war herrlich. Papa ist nie baden gegangen und mein Kleiner später auch nicht. Die waren beide klapperdürr, haben gefroren und bekamen sofort blaue Lippen, ganz anders als wir beide, nicht wahr? Abend hatten wir Lagerfeuer und Sternenhimmel. Wie wenig der Mensch braucht zum Glücklichsein. Und doch soviel.

Seltsam, mir ist schwindelig. Du meinst, es kommt von den vielen Medikamenten? Hoffentlich halte ich bis nachmittags durch, wenn die Kinder kommen. Extra angereist, ein paar Stunden über die Autobahn. Da wollen sie eigentlich keine kranke Mutter liegen sehen. Ob sie die Kleine mitbringen? Jetzt bin ich sogar schon Oma und du Uroma. Wer hätte das gedacht bei meinen vielen Krankheiten, dass ich das erlebe. Hast Du Fotos von ihr dabei?

Was solls. Meinst Du, es wird wieder mit mir? Nein. Aber warum denn? Ich fühle mich gerade so gut. Ich weiß, die Krankheit ist unheilbar. Aber ich will jetzt noch nicht. Ich habe doch noch Kraft.

Mama! Lass mich nicht los. Bitte, wein doch nicht. Wir hatten doch so lange Zeit miteinander. Mein ganzes Leben. O Gott, ich dachte, dass ich neunzig werde, so wie Opa. Wie geht es ihm denn, macht er noch Späßchen? Ihn hätt ich gern noch einmal gesehen. Wir haben viel gelacht miteinander, du, er, ich. So ein spezieller Familienhumor, den nicht mal die ganze Familie teilte.

Geh ich jetzt zu Papa? Oder fliege ich? Wie ist das? Meinst Du, er wartet auf mich? Legst du mich zu ihm? Du musst uns nicht oft besuchen kommen. Wir sind ja zu zweit. Mama, Du siehst so schlecht aus.

Die Rollen tauschen? Du solltest an meiner Stelle liegen?

Ach.

Ich werde es vermissen, dass ich dich nicht mehr jeden Morgen kurz anrufen kann. Mir ist kalt. Ich habe schon drei Decken?

Bringen die Kinder Kuchen mit und Kaffee?

Ich freu mich über die Bilder, die er überall aufgehängt hat. Urlaubserinnerungen. Toscana, Provence, Schottland, Ungarn. Ich hab den halben Globus bereist, was will der Mensch mehr? Jetzt, zum Schluss, ist er ganz friedlich geworden. Dafür hat er mich früher oft allein gelassen mit meinen Sorgen. Was für ein hilfloser Mensch. Nun muss er sein Leben allein regeln. Nein, du kannst ihm nicht helfen, du bist 83, du musst dich um dich kümmern. Und um meinen Sohn. Um den hab ich Angst, der ist so zart. War er schon immer. Seit ihn seine Freundin verlassen hat, denkt er, die ganze Welt sei schlecht. Er traut sich nichts zu. Dabei sollte er langsam eine Familie gründen, sonst vergrübelt er sich zu sehr. Hab ich was falsch gemacht? Ich hab ihn doch ziehen lassen, als er von zu Hause weg wollte. Sein Vater und er, das sind zwei Hähne, die nicht miteinander klar kommen. Hätt ich mich mehr einmischen sollen? Aber du kennst ja deinen Schwiegersohn. Ewig überarbeitet, keine Sinn für andere. Der Uwe von nebenan? Nein, der war kein Mann zum Heiraten für mich, den kannte ich zu lange. Außerdem ist der jetzt schon lange tot, auch zu weich. Eine richtige Frau hat der auch nie abbekommen.

Wie lange dauert es, bis die anderen kommen? Ich bin so müde. Deine Hände sind kalt. Mach dir nicht so viele Sorgen. Wahrscheinlich sitz ich bald harfespielend auf der Wolke, die über deinem Haus schwebt. Im langen weißen Nachthemd.

Bei der Morgenvisite haben sie mir gesagt, das sie mich wegen der Schmerzen morgen früh ins Koma legen wollen.

Mama, ich werds nicht schaffen. Ich werde nicht mehr aufwachen.

Ich liebe dich, Mama.

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    • Ich freu mich, dass sie Dir gefällt. Das Thema ist ja sehr speziell. Ich wollte beschreiben, dass es in jedem Alter schrecklich für eine Mutter ist, ihr Kind zu verlieren. Und weil die Tochter selbst schon im Großmutteralter ist, wird ihr Tod sicher vom Umfeld schnell abgetan, auch weil es noch viele andere Traurigkeiten gibt. Aber es ist nicht „in der Ordnung“ und für die Mutter schwer zu verwinden…

    • Ja, das stimmt, eine sentimentale Geschichte. Ich bin nicht vor dem Sentiment zurückgeschreckt, weil ich Hollywood das Feld nicht allein überlassen wollte… Nein, im Ernst: ich glaube, dass die wahren Dramen sich im alltäglichen Leben abspielen. Nur werden sie sorgfältig verborgen und selten ans Licht gehoben.

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