Schreibwerkstatt: Träume

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In der Rubrik “Schreibwerkstatt” gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen. Heute ein Auszug aus einer Geschichte, die in der Mitte der 1980er Jahre in Ost-Berlin, kurz vor dem Mauerfall spielt:

…Schließlich ergab sie sich der Berufsberatung. Maschinenbauzeichner oder eine Büroausbildung standen zur Wahl, Rosas Ehrgeiz, ihre sehr guten Zensuren und ihre Genauigkeit wurden gelobt. Sie ließ sich bei den Zeichnern eintragen. Ihre Eltern mussten ihren Lehrvertrag unterschreiben, weil sie noch nicht volljährig war, schon da hatte sie Bauchschmerzen und wusste, dass es ein Fehler war. Aber eine andere Idee hatte Rosa nicht mehr. Sie kaufte einen weißen Kittel, Zirkelkasten, Tusche, erbat vom Vater eine Rasierklinge zum Radieren auf dem Pergamentpapier.

Sie lernte im größten Maschinenbaubetrieb der Stadt, hier wurden riesige Turbinen für Kraftwerke hergestellt. Auf dem Gelände durften sich niemand frei bewegen, weil das Werk direkt an der Staatsgrenze lag. Zum Mittagessen mussten sie immer in der Gruppe gehen, vom Speisesaal aus konnte man die Posten mit ihren Maschinengewehren auf den Wachtürmen genau sehen. Die Mädchen winkten zu ihnen hinüber, der Wachhabende beobachtete sie durch sein Fernglas und beschwerte sich später über den Unfug der Lehrlinge. Es gab eine schwere Verwarnung. Wenn Rosa zum Arzt wollte, brauchte sie eine Genehmigung mit vielen Stempeln und genauen Aufenthaltszeiten. Zum Betriebsarzt kam man durch einen beidseitigen Maschendrahtzaun, der wie ein schmaler Tunnel war. Sie kam sich vor wie ein Zirkuslöwe und fand die Vorsichtsmaßnahmen lächerlich. Kam man morgens zu spät, wurde man von einem Wachtposten zu seinem Arbeitsplatz geleitet. Es gab Gerüchte, dass es noch einen Tunnel unter Tage aus den 1960er Jahren gäbe, durch den man in den anderen, verbotenen Teil Berlins gelangen könnte. Aber niemand wusste etwas genaues.

Manchmal gab es Alarm, wenn einer versucht hatte, die Mauer zu überspringen und das Land zu verlassen, stundenlang wurden sie dann auf dem Werksgelände fest gehalten. Alle Arbeiter und Angestellten standen im Freien und warteten darauf, dass die Soldaten mit den Maschinenpistolen den Weg aus dem Tor frei gaben. Gern hätte Rosa sich außer der Reihe mal bei den anderen Gewerken umgesehen, bei den Schweißern, Drehern, Kranarbeitern, um sich deren Arbeit zeigen zu lassen. Unmöglich.

Der Zeichensaal war in einem alten, roten Backsteingebäude untergebracht, ganz oben, überwölbt von einem Glasdach. Es gab etwa 20 Arbeitsplätze, an jedem stand ein riesiges Zeichenbrett und ein Schreibtisch. Der Beruf des Technischen Zeichners galt zu der Zeit als Frauenberuf, nur ein Junge unter vielen Mädchen, er wurde hierher vermittelt aufgrund eines Herzfehlers. Darüber konnten alle nur grinsen, denn Herzschmerz schien vorprogrammiert bei dieser Auswahl. Aber irgendwie schaffte er es, Liebschaften aus dem Wege zu gehen. Er war eine Künstlernatur, weich und oft krank. Jahre später begegneten sich Rosa und der Junge unverhofft wieder, er bewunderte ihre Augen und dass er niemals diese Farbe bei einem anderen Menschen gesehen hätte. Wenn sie schon damals gewusst hätte, dass ihr jemand so nahe war, hätte sie die Lehrzeit besser ertragen. Aber so saß sie Tag für Tag fröstelnd vor innerer Kälte vor ihrem Zeichenbrett in der letzten Reihe, hinter sich die Glastür und die Augen des Lehrobermeisters…

(bisher unveröffentlicht)

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