Zum Internationalen Kindertag am 1. Juni: Aus meiner Schreibwerkstatt

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In der Rubrik “Schreibwerkstatt” gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Heute entführe ich Euch in den Sommer, nach Italien. Wir begleiten die 8jährige Marie durch Pienza:

…Der Weg führte wieder zur großen Straße zurück auf einen schönen Platz, der umgeben war von herrlichen, weißen Palazzi aus Travertinstein. Hier traf ich Albert und Marie wieder, die in den Hof des Palazzo Piccolomini schauen wollten. Am Einlass scherzte eine hübsche, ältere Dame mit Marie, strich ihr übers Haar und fragte sie nach ihrem Namen. Ihr gefiel Marie, sie selbst stellte sich als Agnese vor. Sie ermahnte die Kleine, in der Schule brav zu sein und sang ihr zum Abschied ein altes italienisches Wiegenlied vor. Ein Augenblick, in dem die Welt stehen blieb. Die zarte Melodie fing sich im hohen Gewölbe. Marie war verlegen und lächelte. Vergnügt fassten wir uns an den Händen, warfen beim Hinausgehen noch einen Blick in den wundervollen Innenhof und sangen das Lied zu Ende. Hinter uns schloss die Dame die Pforten.

Erst an der Werkstatt von Valerio blieben wir stehen, weil es so gut nach Leder duftete. Wir betraten seinen kleinen Laden und mussten unsere Augen an das Dämmerlicht gewöhnen. Zuerst nahmen wir einen großen hölzernen Arbeitstisch wahr, der die Hälfte des Platzes ausfüllte. Auf dem Tisch lagen sämtliche Arbeitsmittel, wie Maßbänder, Pinsel, Leim, Töpfe mit Pech, Stempel, Stanzer, Hammer, Lochzange, verschiedene Messer, Nähnadeln mit bunten Fäden, Poliersteine, Gravurgerät und Leinenläppchen. An der Wand hinter dem Tisch saß Valerio auf einem hohen Hocker und arbeitete an den bestellten Gürteln, eine Arbeit, die er gering schätzte, aber schnelles Geld brachte und oft von der Kundschaft gewünscht wurde. Gegenüber konnte man sein eigentliches Talent bewundern, stabile Taschen, an denen man sicherlich sein Leben lang Freude hatte, feine runde Döschen für das Aufbewahren von Schmuck, Buchhüllen mit verschiedenen Motiven, in Leder gefasste Notizbücher, Stifteköcher, Börsen und Geldklammern. Valerios heimlicher Stolz waren die darüber hängenden Aquarelle mit Pferden, die er selbst gemalt hatte, und oft von den Besuchern übersehen wurden. An der Seite saß seine Frau, eine schmale, schwarzhaarige Schönheit. Mit geschickten Fingern nähte sie das derbe Leder eines Gürtels. Sie sprach mit einem Bekannten, der an der anderen Seite des Arbeitstisches wie an einem Tresen saß, und gestikulierte dabei mit großen Bewegungen, ohne die Kundschaft zu beachten, die sich in der engen Werkstatt drängte. Wir befühlten die Ware und beobachteten das Geschehen. Nach einer Weile waren wir die einzigen Fremden im Geschäft. Während ich mit Valerio den Preis für ein großes Notizbuch verhandelte und mit ihm englisch radebrechte, bot seine Frau Marie winzigkleine Birnen aus ihrem Garten an. Sie waren hart, aber schmackhaft und saftig und lagen in einem Weidenkorb nahe der Tür. Auf der Straße wurde es laut. Drei kleine Jungen, die Kinder Valerios, kamen hereingestürmt und wollten ihre Mutter abholen. Sie lachte, biss den Nähfaden ab und legte den Gürtel zur Seite. Mit einem freundlichen Gruß erhob sie sich und verließ den Laden.

Es wurde langsam dunkel, von draußen hörten wir die abendlichen Kirchenglocken. Valerio überlegte, wie lange er noch arbeiten sollte. Er war zum Plaudern aufgelegt und fragte Marie nach ihrem Namen. Als sie ihn nannte, schien er überrascht. Gerührt zeigte er auf ein schwarz-weißes Photo an der Wand, auf dem eine Greisin im Gegenlicht zu sehen war, seine Großmutter. Sie hieß auch Marie. Trotz vieler Entbehrungen hatte sie ihr gutes Herz bewahrt und immer ein Lächeln für Valerio gehabt und obwohl sie noch sehr jung war, als Valerios Großvater im Ersten Weltkrieg fiel, hat er sie nie klagen gehört. Seit dem Tod ihres Mannes hatte sie mit den Männern abgeschlossen, zog allein ihren Jungen auf und hatte immer nur die Arbeit im Sinn. Valerio seufzte. Mit gütigen Augen sah er Marie an und bedeutete ihr zu warten. Vertrauensvoll erzählte ihm Marie, dass sie in der Schule schon lesen gelernt hätte und hier in Pienza ein Buch über Pinocchio gekauft habe. Valerio nickte verstehend und begann, ein Lesezeichen für Marie zu machen. Er schnitt ein Stück helles Leder zurecht und malte mit einem kleinen Lötkolben ein Häuschen mit einer Katze darauf. Ein Weg führte vom Eingang zu den Zypressen, darunter schrieb er in großen Buchstaben: MARIE. Auf der Rückseite: Pienza, im Juli 2010. Marie nahm das Geschenk entgegen und legte es sorgsam zwischen die Seiten ihres neuen Buches. Ein bisschen standen wir noch herum, ich erzählte, woher wir kommen und Albert schwärmte vom unvergleichlichen Sternenhimmel in der Toscana. Dann war Valerio mit dem Aufräumen fertig, er begleitete uns vor die Tür und schloss die Werkstatt ab. Wir nahmen Abschied.

(Der Text ist in der kleinen Sonderedition 2012 „Marie in Italien“ enthalten)

Herzlichen Glückwunsch zum Internationalen Kindertag allen großen und kleinen Kindern!

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