Die andere Seite (17. Juni 1953)

Standard

Ein schöner Sommertag, der Krieg war seit acht Jahren vorbei.

Die Hälfte seines Lebens lebte er im Frieden. Was für ein Glück. Ruhe und Ordnung. Er hatte nach all dem Wirrwarr der Kinderzeit eine Lehrstelle als Verkäufer im Elektrowarenladen an der Ecke gefunden, und sein Geld genügte, um Mutter und Schwester zu ernähren. Die kleine Wohnung, die sie zu dritt bewohnten, war hübsch und lag in einer ruhigen Seitenstraße des Schlossparks. Eine Freundin hatte er auch schon, sie hatte gerade ihre Lehre begonnen und war ihm gleich aufgefallen. Vielleicht würde er sie heiraten, sie schien ein patentes Mädchen zu sein, so entschlossen.

Manchmal, am Anfang des Monats, knappste er sich ein paar Pfennige vom Lohn ab und ging mit ihr ins Kino, am liebsten am Gesundbrunnen. Das war zwar im Westen, aber er konnte dort mit Ostmark bezahlen und ihr trotzdem die neuesten Kassenschlager bieten „Ein Amerikaner in Paris“ oder „Wie angelt man sich einen Millionär“. Etwas zum Träumen.

 Es war ein Mittwoch, der 17. Juni. Am Vormittag war er allein im Laden, er hatte vor Geschäftsöffnung allerhand vorzubereiten, den Geldboten einzulassen, die Kasse mit Wechselgeld zu füllen und zu prüfen, ob alle Reparaturen, die an diesem Tag abgeholt werden sollten, bereit standen. Das war wichtig, denn manchmal gestattete der Boss seinen Lehrlingen, abgegebene Radios übers Wochenende mit nach Hause zu nehmen, wenn sie mit ihren Mädchen amerikanische Musik hören wollten. RIAS – Radio im amerikanischen Sektor, das klang wie ein Zauberwort. Der amerikanische Soldatensender kam auf Kurzwelle, das hörte sich an, als ob der richtig weit weg wäre, dabei saß er nur ein paar Bezirke weiter Richtung Süden. Manchmal rutschte der Sender weg, es knackte und rauschte im Radio, dann musste er geschwind nachregulieren, sonst war die Stimmung im Eimer.

Es war in Ost-Berlin verboten, West-Radio zu hören, deshalb musste er morgens unbedingt kontrollieren, ob alle Senderzeiger nun auf „Berliner Rundfunk“ standen, sonst bekamen sie Ärger. Er schaltete zur Probe zwei, drei Radios ein, damit er Punkt Neun die Nachrichten hören, den Schlüssel umdrehen und die ersten Kunden hereinlassen konnte.

Plötzlich polterte der Boss herein. Er war wie immer durch die Hintertür gekommen und hatte miese Laune. „Morgen!“, raunzte er seinen Lehrling an. „Hast Du schon gehört, was los ist?“ Der Junge schüttelte den Kopf. Im selben Augenblick piepten die eingeschalteten Radios. Neun Uhr. Mist, jetzt war er ein paar Sekunden zu spät. Aber bevor er lossprinten konnte, hielt ihn der Boss am Kittel fest: „Pass auf, wenn du heute rausgehst. Bleib in Pankow, fahr nicht nach Mitte. Da ist der Teufel los. Generalstreik. Ich hab munkeln hören, dass die Russen bereitstehen. Wenn einer durchdreht, geht der Krieg wieder los. Der RIAS berichtet live.“

Wer sollte durchdrehen? Die Arbeiter? Die Reporter? Die Panzerfahrer?

Und warum?

Generalstreik. Hunger schoben sie doch fast alle, der Lohn war gering, das Angebot in den Lebensmittelläden lächerlich. Für alles brauchte man immer noch Marken, sonst blieb nur der Schwarzmarkt mit Horrorpreisen.

Krieg. Er war so froh gewesen, als der vorbei war.

Das heißt, er wollte froh sein, dass hatte er sich fest vorgenommen, damals, im Winter 45.

Als er auf dem Treck war, die kleine Schwester im Arm und um sein und ihr Leben lief, er hatte sich die Ohrmuscheln abgefroren und die vielen toten Kinder gesehen, dann waren sie in Berlin angelangt und wohnten in einem zerschossenen Haus, sehr schön gelegen am Schlosspark, leider waren dort Jungs auf den Dachböden, deutsche Jungs, mit Gewehren und Munition, viel Munition, sie wollten die Heimat verteidigen, jetzt, wo der Russe da war und die Väter längst gefallen für Volk und Führer und die großen Brüder gefangen, irgendwo, wer weiß, wann sie wiederkommen, und als der große Häuserkampf um Berlin begann und endlich ein Trupp Russen an einem Ende der kleinen Straße ankamen, da schossen die dummen Jungen, die Soldaten riegelten die Straße ab und durchkämmten jeden Winkel, sie nahmen alle mit, die wie Männer aussahen, die Mutter schrie, obwohl ihr ein Gewehr aufs Herz zielte: Nein, mein Junge nicht!, das rettete ihm schon wieder das Leben, aber das des Vaters nicht, der war versteckt, seine Uniform auch, was musste der kurz vor Schluss auch schon wieder heimwollen, sie trieben alle vor sich her, dem Schlosspark zu, die Frauen zuerst, mit Spaten bewaffnet, nun heulten sie, hätten sie doch früher an Widerstand gedacht, wer weinte im fernen Russland um die Millionen Toten, dann gruben sie Gräber, für wen denn, mein Gott, es ist doch vorbei und gewonnen, sie mussten schaufeln, es gab kein Erbarmen, erst schauten ihre Männer, Brüder und ihre Söhne zu, dann schauten sie ihren Männern, Brüdern und Söhnen zu, wie sie nach dem Knallen und Brechen in die Gruben fielen, dann Stille, irre Blicke und ein Auseinanderfallen und Nachhausegehen.

 Das war das, woran er dachte an einem schönen Sommermorgen, am 17. Juni 1953.

Advertisements

»

  1. Ein sehr beeindruckender Beitrag, den ich erst einmal ein paar Tage verdauen musste.
    Irgendwie war mir nicht klar, wie nah der Krieg 1953 noch war, vor allem in den Köpfen der Leute. Wenn das Ganze noch mit der Angst vor einem neuen Krieg gepaart ist, dann wird daraus Verzweiflung. Sehr schön dargestellt.
    Ich kann mich noch genau an den 7. Oktober 1989 erinnern, dort standen auch die Zeichen auf (Bürger-)Krieg und ich wusste damals nicht, ob mein Zug noch nach Berlin fährt oder die Stadt längst abgeriegelt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s