Handwerker Hannes schrebert (IV)

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Es folgen Auszüge aus meiner vierten Geschichte um Handwerker Hannes, der inzwischen schon einen kleinen Fankreis um sich versammelt hat 😉

Heute schwitzt Hannes in der Sommerhitze und erzählt von seinem neuen Kleingarten, wie immer im erfrischenden Berliner Dialekt. Wer Auszüge aus den ersten drei Teilen der Handwerker-Hannes-Geschichten lesen möchte, klicke hier und hier sowie hier. Wie immer wünsche ich viel Spaß!

„Puh, wat fürne Affenhitze!“ Wieder einmal stand Handwerker Hannes vor meiner Tür. Allerdings musste er diesmal nichts in meiner Wohnung reparieren, sondern in der Wohnung nebenan. Irgendetwas war an der Heizungsanlage defekt. „Ick gloob, heut isset soweit, dass ick zerfließe! Uffn Thermometa hatt ick heut morjen um sieme schon 25 Grad“, stöhnte er und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Tschuldjen Se, dass ick Se so unverhofft uffschrecke, aber ick bräuchte mal den Kellaschlüssel.“

[…] Handwerker Hannes begann zu plaudern: „Ick hab ja seit kurzem nen Schreberjartn. Hab ick dit schon erzählt? Bei die Vielzahl der Kunden weeß ick schon nich mehr, wem ick wat anvatraut habe.“ Abwartend hob er seinen Blick. Ich überlegte kurz, was ich bisher von Hannes wusste. Er hatte eine neue Freundin, sein Sohn lebte bei seiner Ex-Frau, zu der er ein gespanntes Verhältnis hatte. Er mochte den alten Bundeskanzler nicht, kannte sich in der Familie der englischen Königin aus und zu Weihnachten stellte er sich einen Plastikbaum in sein Wohnzimmer. Aber von einem Garten hatte er noch nichts verlauten lassen.

Ich schüttelte den Kopf, Hannes nahm einen großen Schluck Limonade und begann zu berichten: „Dit is ja heute wien Sechsa im Lotto, een anständjen Jarten zu nem annehmbaren Preis zu kriegn. Ick mein, in Hinterposemuckel wär dit allet keen Problem, aba ick wollte inne Stadt bleim. Dit ewije Rausjejuckele wär mir nüscht. Sie müssn bedenken, dass ick ja schon inne Woche ständich uff Achse bin. Da will ick am Wochenende wenichstens meene Ruhe ham. Ick seh schon, Sie vastehn mich.“ Er hustete, weil er sich an der Limonade verschluckt hatte. „Aba Glück muss der Mensch ham, und so kam et, dass ick vonnem alten Mütterchen hörte, die ihrn Jarten uffjebn wollte. Se wollte nich mehr uff de Leiter kraxeln und ooch sonst hatte Probleme mitm Bücken und so. Obwohl, hab ick schon jescherzt, wenn der Järtner nich mehr so jut kiekn kann, lebta ruhiga, weila dit janze Unkraut nich mehr sieht. Is eijentlich praktisch. Aba dit Mütterchen konnte nich drüba lachen. Sie is noch vonne Kriegsgeneration, die vom Ertrach des Jartens leben musste. Und Unkraut war der größte Feind, kam glei nach den vier größten Feinden des Sozialismus. Kennen Se die noch? Ach nee, Sie sind viel zu jung, wie die Zeit vajeht.“ Hannes hatte mein verständnisloses Gesicht gesehen und erklärte deshalb: „Die vier größten Feinde des Sozialismus warn Frühjahr, Sommer, Herbst und Winta. Fand man früha lustich, den Witz. Früha war noch nüscht mit Bio, da hamse durch intensive Landwirtschaft dit Maximale ausm Boden rausholen wolln. Leida spielte nich imma dit Wetta mit, mal war dit Frühjahr zu kalt, mal der Somma zu nass, der Winta zu hart, ach, wat weeß ick. Jedenfalls wurde dit imma lang und breit inne Aktuellen Kamera, dit war die Nachrichtensendung, begründet, warum die Bauern nu wieda nen heroischen Kampf fürt Vaterland zu bestehen hattn. Dabei hattn die alten Bauern, die ooch Ahnung vom Wetta hattn, jar nüscht mehr zu saren. Da kamen dann die Schnösel vom Studium und wollten allet bessa wissen. Is übaall dit gleiche: Neue Besen kehren jut.“

Hannes schien völlig erschöpft von der Erinnerung und ich fragte ihn, was nun mit seinem Schrebergarten sei. Sein Gesicht hellte sich auf und er fuhr fort: „Son Schreberjartn is wien Dorf im Miniformat. […]Und Sprüche jibts ooch alle möglichen dazu, da kann icke sojar noch wat lernen, sarick Ihnen. Von wejen: Hamse nüscht zu tun, wenn de dir mal erlaubst, n Schluckchen Bier zu nehm. Oder: Ick seh sie jarnich mehr hinter all ihrm Unkraut. Oder dit beste: die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln. Naja, da is man erstmal satt, wenn man dit hört, aba dit is allet nur halb so böse jemeint. Deshalb redet man sich untaeinanda ooch als „Jartenfreund“ an. Find ick ja n bißken affich, die Versammlungen. Aba ohne dem jinge dit drunta und drüba, denk ick mir. Trotzdem klingtet lustich, wenn olle Ede plötzlich mit „Jartenfreund Hans-Eduard“ anjeredet wird. Der hat sich richtich erschrocken, weil er seinen vollen Namen sonst nur von seiner Frau hört, wennse mit ihm saua is. Dit Jute is außadem, dass wa so ville Mitglieda ham in unsam Verein. Wenn de dich mit eenem nich vastehst, jibts imma noch jenuch andere. Unsre Anlage hat über 400 Järtn, bald ham wa 100. Jeburtstach. Dit wird jefeiat mit allem Chichi, sarick Ihn‘. Wir ham sojar schon ne Kapelle jeordert, mit Tambourmajor und Mädels in kurzen Röckchen wie im Kölner Karneval. Abends wollnse den Nachbarn mitm Schifferklavier überreden, noch mal n paar olle Kamellen zum besten zu jebn. Na, dit wirtn Spaß. Aba da erzähl ick n andamal von. So, icke muss los. War nett, mit Ihn‘ zu plauschen. Schöne Tare anne Ostsee, gluckern Se nich ab, bis denne.“ Er erhob sich, sichtlich erfrischt, grüßte mit der Hand und rannte die Treppe hinunter.

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  1. Haha;-) Das ist ja wieder mal eine lustige Geschichte von
    Handwerker Hannes… Dürfte ich auch die vollständige Geschichte hören?

  2. Pingback: Handwerker Hannes ist nie krank (IX) | andreamaluga

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