Berliner Stadtgang: Es lebe die Musik!

Standard

Das Kind soll sich musisch bilden und will ein Instrument spielen lernen. Es hat Vorkenntnisse, weil ein Musikschullehrer in die Schule kam, um Unterricht anzubieten. Eine kleine Gruppe lernte ein Jahr lang Gitarre spielen mit mäßigem Erfolg. So weit so gut.

Ein plötzlicher Schulwechsel mitten im laufenden Schuljahr beendete die im Grunde praktische Zusammenarbeit, denn dem Kind wurde es als nunmehr Schulfremde sofort verboten, weiter am Unterricht teilzunehmen, obwohl es gern weiter gelernt hätte. Also wurde auch die Zahlung von Elternseite eingestellt. Das rief die Musikschule auf den Plan, die gern zwei weitere Monate das Entgelt kassiert hätte. Erst nach mehreren persönlichen Gesprächen am Telefon mit sehr freundlichen Damen, die sich jedoch leider, leider nicht zuständig fühlten, aber uns grundsätzlich zustimmten, nach drei unerquicklich fordernden Mahnungen sowie diversen, enervierenden e-mails, klärte sich die Sache zugunsten der Eltern.

Nach längerer Eingewöhnung ein neuer Anlauf, das Gitarrespielen fortsetzen zu können. Neues Jahr, neues Glück. Jedoch alles In-der-Nachbarschaft-Umhören erbringt nichts Erfreuliches:

Der billigste Anbieter, ein bulgarischer Künstler, lebt zwar in der Nähe, aber in solch prekären Verhältnissen, dass dem Kind der Anblick leerer Bierflaschen und immenser klebender Unordnung nahe der Vermüllung nicht zugemutet werden soll. Via Internet wird ein Gitarrenlehrer, ein junger, aufstrebender Preisträger, in einer sehr freundlichen Nachricht angefragt, ohne jemals Antwort zu bekommen. Wahrscheinlich startet er eben seine Weltkarriere und hat keine Zeit für kleine, ungeschickte Kinderhände. Die private Musikschule in der aufgehübschten und gentrifizierten Querstraße bietet seltsamerweise nur E-Gitarrenunterricht an. Die Familie mag AC/DC, daran liegt das Missfallen nicht. Doch es schwebte allgemein Lagerfeuerromantik vor den geistigen Augen oder ein lustig geklampftes Wanderliedchen. Und ist E-Musik eher nicht etwas laut, ich frage nur im Sinne der Nachbarn.

Also wird die öffentlich geförderte, staatliche Musikschule hinzugebeten. Schlechte Erinnerungen, die von vor dem Fall der Mauer herrühren, werden flugs beiseite geschoben. Ist zu lange her und inzwischen werden nicht nur die Begabtesten gefördert und auch das Kind wird nicht ausgeschlossen werden, so wie es damals den meisten erging. Auch die Unterrichtsmethodik wird sich geändert haben und die Elitenförderung im Orkus gelandet sein.

Schon zwei Wochen nach der Anmeldung erreicht die harrende Familie eine Anwort. Maschinell erstellt und ohne Unterschrift gültig. Tenor: Sollte nach einem Jahr weiterhin Bedarf bestehen, müsste das Begehren nochmals schriftlich manifestiert werden. Wohlgemerkt in einem Jahr. Zum Trost darf unter einer kleinen Telefonnummer nachgefragt werden, wie lange die tatsächliche Wartezeit beträgt. Womöglich länger als ein Jahr.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s