Berliner Stadtgang: Relegationen an der Ossietzky-Schule 1988

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In September, 12th 1988, two students of the extended school (like a high school) named Carl von Ossietzky in East-Berlin wrote an article about the current situation in Poland. In summer 1988, the miners in Katowice as well in other mines, the workers in the famous Lenin shipyard in Gdansk, in the port of Szczecin and at some other places went on strike. All workers demanded democratic rights. Lech Walesa will be the most famous leader. The union Solidarnosc initiated a large protest wave which influenced not only the whole country Poland but was extended to the neighboring contries as well. Even in the GDR, the events were discussed not only at the private level. At GDR companies and schools, the sparely available informations of the GDR press agency were combined with news of the west-german news.

The Ossietzky school’s director agreed to found a speaker’s corner, a wall newspaper which is an open discussion forum for students. It was a sensation in the so-called “dictator ship of the workers class” who always burked any free opinion. The students were responsive to the article about the events in Poland. There were receptions and counterparts. Two students Benjamin L. and Shenja-Paul W. formulated the hope that the started reform will be change the society by participating the union Solidarnosc. Two days later published the student Kai F. another article at the speaker’s corner about military parades in the GDR and asked for opinions. Forty students signed the article. The director became nervous and tried to prevent further actions.

In the meantime, the government was informed. Nobody knows how the things happen but the minister of education Margot Honecker was involved now. The events came thick and fast. The teachers of the school were ordered to speak with the forty students with the aim to cancel the signatures for the article. In September, 21th, Benjamin L., Phillipp L.and two other students underestimated the situation und published another article, a poem of a GDR soldier. It was seen as provocation.

Finally, in September 30th 1988, some students were expulsed from the school in the presence of all 160 students of the school. The whole procedure was shameful and offending for the expulsed students. It was the most deeply break in their life.

One year later, everything changed in the GDR. The relegation was withdrawn and the students were able to finish the school. Benjamin studied physics  and is currently professor at Humboldt University in Berlin. Is everything OK now? The break remains. (transl.: doc t.)

 Am 12. September 1988 verfassen zwei Schüler der Erweiterten Oberschule Carl-von-Ossietzky in Berlin einen Artikel über die aktuellen Ereignisse in Polen: Im Sommer des Jahres streikten die Bergarbeiter in Katowice und in einem Dutzend weiterer Gruben, die Arbeiter auf der Leninwerft in Gdansk, im Hafen von Szczecin  und anderswo. Sie fordern demokratische Rechte ein, Lech Walesa wird bedeutendster Wortführer, die Gewerkschaft Solidarnosc initiiert eine gewaltige Protestwelle, die nicht nur das ganze Land, sondern auch die Nachbarstaaten erschüttert. Auch in der DDR kommt es zu Diskussionen, die nicht mehr nur im privaten Rahmen bleiben. In Betrieben und Schulen werden die spärlichen ADN-Meldungen ausgewertet und mit den Informationen der westlichen Medien kommentiert.

In der Ossietzky-Schule erklärt sich der Direktor mit einer Speakers Corner einverstanden, einer Wandzeitung, die als Diskussionsforum für alle Schüler offen ist. Eine Sensation in der so selbst genannten „Diktatur des Proletariats“, die ansonsten jegliche freie Meinungsäußerung rigide zu unterdrücken weiß. Durch den Wandzeitungsartikel über die Vorgänge in Polen fühlen sich viele Schüler angesprochen, es gibt Zuspruch und Gegenstimmen. In sachlichem Ton formulieren die Schüler Benjamin L. und Shenja-Paul W. die Hoffnung, dass die begonnenen Reformen durch eine Machtbeteiligung der Solidarnosc zu einer modernen und sozial gerechteren Gesellschaft führen […] Zwei Tage später veröffentlicht Kai F. an der Speakers Corner einen weiteren Artikel, die Sinnlosigkeit von Militärparaden zum Jahrestag der DDR betreffend. In einem Anhang bittet er um schriftliche Meinungsäußerung. Tags darauf  reicht er eine Abschrift des Artikels herum, um Unterschriften zu sammeln. Vierzig Schüler unterschreiben. Dem Direktor kommt diese Aktion zu Ohren, er wird nervös und unterbindet jegliche weitere Betätigung […]

Unterdessen meldet die Parteisekretärin der Ossietzky-Schule die Vorkommnisse an die SED-Kreisleitung Pankow. Diese informiert die Bezirksleitung […] Niemand weiß, wie sich die Dinge abgespielt haben, Fakt ist, dass die Volksbildungsministerin Margot Honecker von den Vorfällen erfahren hat und noch Sonntagabend die Berliner Stadtschulrätin zu erreichen sucht. Die Rolle, die Staatsratsvorsitzender Erich Honecker innehat, ist nicht mehr zu ermitteln. Vermutlich hält er als ehemaliger FDJ-Vorsitzender eine harte Bestrafung für notwendig, um „seine“ mythisch verklärte Jugend vor konterrevolutionären Umtrieben  zu schützen […] In rasender Geschwindigkeit überschlagen sich die Ereignisse: der Leiter der Zentralen Relegationskommission wird telephonisch von Margot Honecker unterrichtet, aber gleichzeitig beschwichtigt, dass nach einer pädagogischen Lösung gesucht werde. Die Lehrer der Ossietzky-Schule werden angewiesen, bis zum Ende der Woche mit allen Eltern der vierzig Schüler die Vorkommnisse auszuwerten und die Schüler zur Rücknahme der Unterschriften zu bewegen.

Benjamin L., Phillipp L. und zwei andere Mitschüler verkennen die Situation, können gar nicht das Ausmaß der Aufregung erfassen und heften am 21. September ein Gedicht eines DDR-Soldaten, der seine Kalaschnikow als Geliebte besingt, an die Speakers Corner. Dies wird als ungeheure Provokation angesehen. […] In den nächsten 48 Stunden werden nacheinander acht Schüler aus dem Unterricht zu angeblich „vertrauensvollen Gesprächen“ zum Direktor geholt, und zwar so vertrauensvoll, dass alle Schüler unisono später von „Verhören“ sprechen. Es ist ein Tribunal, wo nicht alle Beteiligten den Delinquenten vorgestellt werden, wo die Schüler ihren Standpunkt nicht darlegen dürfen, provoziert werden. Es fließen Tränen. Die Schüler sind in ihrer Würde tief verletzt. Die Lehrer sehen schweigend zu und bekunden nur unter vier Augen Solidarität bzw. versuchen zu beschwichtigen. In ergreifenden Gedächtnisprotokollen halten die Schüler die Situation fest.

Inzwischen mahlen die Mühlen der Ideologie knarrend aber stetig weiter: Der Ausschluß aus der FDJ wird betrieben und die  SED-Kreisleitung fordert  Konsequenzen von der Schule mit „Maßnahmen zur Verstärkung der politisch-ideologischen Arbeit“ .In der folgenden Woche werden die Direktoren und Parteisekretäre der Pankower Polytechnischen und Erweiterten Oberschulen zusammengetrommelt, ihre Einschätzung der Lage an den eigenen Schulen wird verlangt. Die Angelegenheit zieht Kreise. Es ist schwierig, alle beteiligten Schüler mit der gleichen Strafe, der Relegation, zu belegen, da sie in unterschiedlichem Maße am Verfassen der einzelnen Artikeln bzw. von eigenen Transparenten zu einer Kundgebung oder/und der Unterschriftensammlung teilgenommen haben. Die Lage spitzt sich „wunschgemäß“ zu: die FDJ-Leitung der Schule beschließt für vier Aufrechte den Ausschluß aus ihrer Organisation, der Direktor wird beurlaubt, das Haus der Familie Benjamins wird für jedermann sichtbar von zwei Mitarbeitern der Staatssicherheit beobachtet, die „Genossen-Eltern“ der Schule und eine weitere Beratung im Volksbildungsministerium kommen zu dem Ergebnis, dass Relegation unumgänglich sei. Weder das geplante Diskussionsforum noch die laut FDJ-Statut erforderlichen Gespräche mit den in der Diskussion stehenden Schülern finden statt. Dafür werden die Eltern über ihre Betriebe zur Verantwortung gezogen, indem in ihren Arbeitskollektiven die „Verfehlungen“ der Kinder zur Sprache gebracht werden. […] In dieser Situation überreichen sechs Beschuldigte einen Brief an den Direktor, in dem sie ihre Position nochmals darzulegen versuchen und das Schlimmste abwenden wollen […]

Am Freitag, den 30. September, also keine drei Wochen, nachdem der Solidarnosc-Artikel an der Wandzeitung erschien, kommt es zur Relegation: Unvorbereitet werden alle Klassen aus dem laufenden Unterricht herausgerissen und in die Aula zur Außerordentlichen Schulversammlung geführt. 160 Schüler erleben den letzten Akt eines niederträchtigen Dramas: mit monotoner Stimme verliest der Direktor jede einzelne Anklage mit den ungeheuerlichen Vorwürfen, um letztlich theatralisch auf die Ausgangstür zu zeigen und mehrmals hintereinander unter Protesten der Mitschüler die renitenten Schüler aus der Schule zu weisen. Sie gehen, gesenkten Hauptes, protestierend oder schweigend. Die Lehrer sind hilflos […] Die Relegierten fielen ins Bodenlose, nahmen Hilfstätigkeiten an, bewarben sich an anderen Schulen. Die zuvor fest verankerten Lebenspläne waren durch die eingeschränkten Möglichkeiten der freien Berufswahl mit einem Schlag zunichte gemacht.

Ein Jahr nach den Relegationen hat sich aufgrund der „Wende“ auch für die ehemaligen Ossietzky-Schüler das Leben „normalisiert“. Es kam nach etlichen Auseinandersetzungen zur Rücknahme der willkürlichen Entscheidungen, einige legten das Abitur an der Ossietzky-Schule ab. Benjamin und Phillipp wohnen immer noch in Pankow. Beide haben eine Familie gegründet, Benjamin studierte Physik (und ist inzwischen Professor) an der Humboldt-Universität zu Berlin und behielt lange Jahre die schrecklichen Ereignisse für sich. Alles ist gut? Der Bruch bleibt.

(c) Andrea Maluga, Auszüge aus dem Essay „‚Feindbild Jugend‘ – Relegationen an der Carl-von-Ossietzky-Oberschule“ 2000

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