Aus meiner Schreibwerkstatt: Erinnerung – zum 9. November 1989

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder Sondereditionen stammen.

Erinnerung

Die Straße lag still im Schatten alter Bäume, durch die das Sonnenlicht flutete. An den Fassaden der dreistöckigen Jahrhundertwendehäuser rankten sich schöne, zerbröckelnde Ornamente empor. Das Parterre lag zu ebener Erde und war den neugierigen Blicken preisgegeben. Fast so breit wie ein Boulevard lud das Trottoir zum Spaziergang ein. Kein Auto lärmte vorbei, nur ein paar graue Tauben gurrten wie jeden Nachmittag auf den maroden Dächern.
Doch die heitere Stille trog.

[…] Die Menschen lebten im Sperrgebiet der Grenzanlagen, sicher und gut behütet, wie jemand scherzte. Unangemeldeter Besuch, der manchmal kam, wurde von den Soldaten schon vorn am Schlagbaum abgewiesen. Nachts hörten die Bewohner das heisere Gebell der Schäferhunde, die an der Grenze Streife liefen. Dreimal in der Stunde rumpelte die unsichtbare, hinter Mauern verborgene S-Bahn auf dem Weg durch die andere Stadt an ihren Schlafzimmerfenstern vorbei.
Einmal, es muss Ende der 80er Jahre gewesen sein, wurden sie jäh aus ihren Träumen gerissen. Harte Befehlsstimmen und wütendes Hundebellen hallten durch die Finsternis. Schreie. Dann knallten Schüsse. Unverständliche Wortfetzen drangen durch die Fenster. Donnernde Fäuste an den Wohnungstüren. Grelles Lampenlicht blendete die Verschlafenen, die auf alle Fragen mit den Schultern zuckten. Nein, niemand hatte etwas bemerkt.

[…] Neugierige standen unerkannt im Dunkel der Zimmer und sahen zu, wie Sanitäter ohne Eile aus dem Krankenwagen stiegen und sich vorn an der Kreuzung einem menschlichen Leib näherten, der unweit der Betonmauer zusammengekauert auf der Erde lag. Es war ein Junge, vielleicht 16. Ein Soldat hatte seine Maschinenpistole auf ihn gerichtet, schrie pausenlos: „Steh auf, du Penner“ und stieß ihm mit der Stiefelspitze in den Bauch. Der Junge, mager wie ein kleiner Hund, erbrach sich und wimmerte. Sein aschfahles Kindergesicht lag im Dreck, verzerrt vor Schmerz. „Schrei nicht nach deiner Mutti, du Sau!“ Wieder ein Tritt. Das Wimmern verstummte, er atmete kaum sichtbar. Die Sanitäter warfen achtlos eine graue Decke über das Kind, zündeten sich Zigaretten an und fragten die Umstehenden, was geschehen war. Wieder mal ein Verrückter, der dachte, er könne mit einer angelehnten Obstbaumleiter über die Mauer steigen. Sie lachten und schüttelten die Köpfe. Mit dem Fuß drehte einer den Jungen auf den Rücken, der Körper sackte kraftlos auf die Steine und auf der Jacke kroch ein größer werdender dunkelroter Fleck.
Plötzlich tauchte der diensthabende Offizier auf, stieß alle beiseite und übersah die Situation mit einem Blick. Er kniete sich zu dem Jungen hinunter und strich ihm das helle Haar aus der Stirn. Vorsichtig fingerte er aus der Innentasche der Jacke einen Ausweis und klappte ihn auf. Tobias, 15 Jahre alt, Lehrling. Eine leichte Alkoholfahne stieg in seine Nase. Der Offizier seufzte. Wahrscheinlich wieder eine Mutprobe unter Jugendlichen, wer traut sich, über die Mauer zu klettern? Er stand auf, winkte nach den Sanitätern und trat beiseite. Er würde Ärger dafür bekommen, dass er nicht auf das Eintreffen der Leute vom Ministerium gewartet hatte, aber er musste an seinen Neffen denken, der ebenso leichtsinnig war wie dieser Junge hier und in seinem Beisein schon oft darüber schwadroniert hatte, mal die andere Seite der Mauer sehen zu wollen.

[…]Drei Tage später erhielt eine Mutter die Nachricht vom Tod ihres Sohnes. Sein Leichnam war bereits eingeäschert worden und stünde zur Abholung bereit.

Der vollständige Text ist in der Sonderedition „Über Grenzen“ enthalten.

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