Aus meiner Feder: Madame Jalenska

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt / Aus meiner Feder“ gewähre ich Einblicke in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder Sondereditionen stammen. Diesmal ein Ausschnitt aus einer Kurzgeschichte, die in „Alles Leben – Frauen des 20. Jahrhunderts“ zu finden ist.

Madame Jalenska

Mit energischen Schritten durchmaß Madame Jalenska, ihren kleinen weißen Hund an der Leine hinter sich herziehend, den Bürgerpark. Aus ihrem Mund dampften Atemwolken in den trüben Januartag.
Nicht einmal Schnee haben sie hier in ihrer Hauptstadt, dachte sie missmutig. Was wollte sie überhaupt noch in diesem in den Zeitungen hoch bejubelten Berlin. Lächerlich. Ein bisschen über 3 Millionen Einwohner, ihre Heimatstadt hatte fast viermal so viele. Dann die winzigen Parks, ebenso die an Gutsverwalterhäuser erinnernden Schlösser, kein Vergleich. Paläste oder prächtig ausgeschmückte Kirchen suchte man vergebens. Wehmütig hielt sie in ihrem Lauf inne. In ihrer Erinnerung tauchte ihr geliebtes Moskau auf, die goldenen Kuppeln, die weiten Alleen mit den modernen, zugegebenermaßen maroden, Häusern. Sicher, es ist eine raue Stadt, das hatte sie mit Berlin gleich. Doch Moskau hat Größe, wahre Großzügigkeit, nicht diesen provinziellen Mief aus ein paar vor kurzem zusammengelegten Dörfern wie hier.
Madame Jalenskas Schritte beschleunigten sich wieder, der Hund hechelte in ihrer Spur.
Sinn für Kunst und Kultur, Sinn für Schönheit und Leistung, für alle sichtbar und ausgestellt in einer Vielzahl von Museen und Theatern. Der Stolz auf dies alles hatte sie als Kind angetrieben, jeden Tag viele Stunden zu trainieren, Jahr um Jahr, um eines Tages mit dem legendären Bolschoi-Ballett auftreten zu können. Ein Star zu sein.

Du musst besser sein als die anderen, härter trainieren, dir weniger gönnen.
Kein Gramm zuviel auf der Waage.
Schmerzen sind dazu da, sie zu überwinden.
Du hast noch Reserven, Aljona, pflegte die Ballettmeisterin zu sagen und hatte beim Spagat noch einmal von oben nachgedrückt, bis das Mädchen schrie.

[…]

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