Handwerker Hannes und die deutsche Einheit (XVIII)

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In der Rubrik „Schreibwerkstatt / Aus meiner Feder“ gewähre ich Einblicke in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder Sondereditionen stammen. Hier nun eine Fortsetzung der Geschichten um Handwerker Hannes – wie immer im Auszug und im Berliner Dialekt.

Es ist der 3. Oktober, 18 Grad Celsius im Schatten, die Sonne scheint wunderbar. Alles so, wie es sich für einen Feiertag gehört. Ich beschließe, einen Spaziergang zu unternehmen, um den Herbst zu genießen. Doch nach wenigen Schritten werde ich aufgehalten. Handwerker Hannes, diesmal nicht im Blaumann, sondern in einem grauen Anzug, der ihm schon beim Fall der Mauer nicht mehr gepasst haben dürfte, steht vor der Spätverkaufsstelle und wischt sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab.
„Mahlzeit!“, mümmelt er und grinst. „Icke muss mia erst ma stärk’n für’n Stadtjang!“, erklärt er und bietet mir den Platz neben sich an. „Ooch ’ne Currywurscht uff de Faust?“
„Nein, nein“, ich lehne dankend ab, mein Frühstück liegt noch nicht lange zurück. Ich frage ihn, ob er zur Jubelfeier am Brandenburger Tor will.
„Och nee, dit is ja nur wat für Touris, die Drängelei is’ mir schon zu Silvester ’n Graus! Icke schlendere ’n bissken durch die Jejend und warte, wat sich erjibt. Sind ja jede Menge Leute unterwechs.“ Er zuppelt an seiner braun-orange-geblümten Krawatte, die ebenfalls aus den 1970er Jahren zu stammen scheint. Er bemerkt meinen Blick: „Is’ noch von meine Jurendweihe. Der Anzuch ooch, passt wie anjejossen!“, sagt er mit stolz geschwellter Brust. Die Jacke spannt so, das ich befürchte, dass die Knöpfe gleich durch die Gegend fliegen. Vorsichtshalber ziehe ich meinen Kopf ein und ducke mich. Aber sein nächster Satz klingt beruhigend: „Is’ noch Friedensware aus’m Osten, Präsent 20, dit hält ooch den Atomkriech aus!“ Er kichert und beißt in seine Currywurst.
Ich frage ihn die Frage des Tages und er antwortet:
„Icke bin janz glücklich mitte deutsch’n Einheit. Hat doch jut hinjehau’n. Der Westen lernt langsam, aba stetich vom Osten, kann also nur bessa wer’n! Wird ja ooch Zeit, schließlich feian wa heute Silbahochzeit.“
Woher er seine Gewissheit nimmt?
„Ick red’ ja nich von’t Ampelmännchen oder vom Rechtsabbiega-Pfeil uff de Straße, die janz Berlin heimlich übanomm’ hat. Dit is’ ja nich’ zu übaseh’n.
War ick letztens beim Arzt in Charlottenburch, ehemalijer tiefsta West’n, ’ne Dreiviertelstunde durch de City. Sitzt der Dokta nich’ in so ’ne edlen Altbau-Hütte wie ick jedacht hatte, sondan im „Ärztehaus“ mit allem pipapo. Wollte mir so ’ne Sista erstma die Vorteile von ihre moderne Bude erläutan. Allet an eem Fleck, Röntch’n und alle möchlich’n andan Jewerke. Da isse bei mia aba uff Granit jebiss’n. ‘Kenn’ ick’, hab’ ick jesacht. ‚Ick komm’ aus de JiDiAr, da nannte man dit Poliklinik.’
Uff’m Rückwech wollt’ ick ma wat Jutet jönn’ und bin ’rin zu Rogacki, dem Feinschmecka-Tempel des Westens schlechthin. Meene Oma hat da früha imma einjekooft, bevor se uns im Ost’n besuchen kam. Natürlich hieß der Laden bei ihr Ro-ga-cki, wie gackern, und nich’ Rogatzky, wie verarmter ponischa Landadel. Komisch eijentlich. Wie ick so durch die Jänge schlendere, jelüstet’s mich nach Bismarck-Hering-Schrippe. Nüscht wie ran an die Fischtheke. Nee, kräht die Vakäuferin, nich’ bei mia, sondan bei de Bäckerei. Nüscht für ungut. Icke als hin, keene 10 Meeta weita. Steh’n da unjelogen drei Vakäuferinnen rum, denen ick artich meinen Wunsch sage. Nee, sacht die eene pampich, Bismarck-Schrippe is’ alle und wir könn’ hier nich raus!’ Dabei klimpert se mit de Oog’n, dass mir janz plümerant wird. Die zweete schleppt wie zum Beweis een leeret Backblech ran, die dritte vasteckt sich vorsichtshalba hinta de Kasse. Wie dem ooch sei, dit janze Theata hätte ooch inne Koofhalle vor der Wende spiel’n könn. Ick war so erschrocken, wieso die armen Anjestellten da nich’ raus dürfen hinta ihrem Bäckatresen? Zur Strafe? Erst hatt’ ick übalecht, sie zu befreien oder ihn’ wenichstens die Arbeet zu erleichtern. Also erst bei den eenen die trockene Schrippe zu holen und denn een’ einzelnen Bismarckhering, aba denn war mir dit Jeschmadda doch zu groß und ick hab’s jelassen. Da sieht man, das die Einheit schon übaall Wurzeln jechlag’n hat. Im Westen isset jetze wie im Osten damals.“

[…]

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