Aus meiner Schreibstube: Das Märchen vom geizigen Mann

Standard

In der Rubrik „Schreibwerkstatt / Aus meiner Feder“ gewähre ich Einblicke in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder Sondereditionen stammen.

Sehr lange schon schmort dieser Textanfang für einen Roman und einige zusammenhanglose Kapitel zum „Märchen vom geizigen Mann“ in meiner Schublade. Bisher habe ich Auszüge daraus nur bei meiner allerersten Lesung überhaupt als Zugabe vorgestellt. Nun ist die Zeit gekommen, ihm im diesjährigen NaNoWriMo endlich Leben einzuhauchen. Viel Vergnügen!

Es war einmal ein geiziger Mann. Er war so geizig, dass er sich nicht einmal die Butter auf dem Brot gönnte. Er war groß und hager und trug meist einen zerschlissenen Morgenrock, der früher einem reichen Herrn zur Ehre gereicht hätte. Der Morgenrock war dunkelblau mit wunderschönen goldenen Sternen, an den Ärmeln durchgescheuert und am Rücken hier und da durchlöchert. Aber das störte den Geizigen nicht, er empfing nie Besuch und hatte keine Seele um sich, die sich darüber wundern konnte. Keinen Menschen liebte er, kein Tier duldete er in seiner Nähe. Alle Tage verbrachte er in seiner Wohnung, niemals zog er die dunklen, schweren Vorhänge an den hohen Fenstern auf und so konnte er nie sagen, welche Tageszeit war. Er wollte es nicht wissen. Nur im Notfall verließ er seine Höhle und dann am liebsten in der Abenddämmerung, wenn die Menschen nach Hause hasteten und keinen Blick für einen seltsamen, alten Hagestolz hatten, der fremd neben ihnen herschritt. Sein Name war Johannes.

[…]
Nur eine Leidenschaft beseelte ihn.
Zuerst wollte er es nicht wahr haben, dann begann er, dagegen anzukämpfen, dann gab er auf.

Bücher hatten es ihm angetan. Johannes hatte eine Bibliothek von seinem Vater geerbt, der hatte all die Bücher in einem großen, eleganten Raum mit hohen, schlanken Regalen aus edlem Holz gesammelt. Nun lag die Bibliothek im stillen Dämmerlicht, dann und wann lösten sich Staubflöckchen und sanken zu Boden. In der Gesellschaft seiner Bücher verließ den Geizigen die Einsamkeit. Im Geiste erlebte er wunderbare Abenteuer, schwitzte mit Goldgräbern in den ägyptischen Pyramiden, focht mit tapferen Piraten um die Freiheit der schönen Herzogin, schmachtete in Gefängnissen, ritt befreit auf einem feurigen Wallach durch fruchtbare Ebenen und rettete wilde Tiere aus brennenden Wäldern. Wenn der Schatz gefunden, die Herzogin verheiratet, die Gefängnisse verlassen und die letzte Seite gelesen war, klappte Johannes das Buch zu und lächelte zufrieden. Er erhob sich aus seinem schweren, alten Ledersessel, löschte das Licht und reckte die müden Glieder. Draußen war es längst Nacht. Er dachte an damals, an eine vergangene Zeit in seiner Bibliothek.

[…] Demnächst mehr 😉

Advertisements

»

    • Vielen Dank, liebe Petra. Ein großes Lob aus Deinem Munde! Ich bin auch ganz eifrig dabei. Die Räume, die ich mit Johannes teile, werden immer mehr. Zuerst saß ich mit ihm nur in der staubigen, alten Bibliothek, doch seit heute weiß ich, an welchem Platz er wohnt 😉 Ich bin ihm also auf den Fersen.
      Danke für Deinen Zuspruch ♥

  1. Pingback: Aus meiner Schreibstube: Das Maerchen vom geizigen Mann II | andreamaluga

  2. Pingback: NaNoWriMo 2016 – ich bin dabei – und Du? | andreamaluga

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s