Aus meiner Schreibstube: Das Maerchen vom geizigen Mann II

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Mein NaNoWriMo-Roman „Das Maerchen vom geizigen Mann“ nimmt Formen an. „Ich“, das ist Johannes, so ein Menschenscheuer, der selten seine Wohnung verlaesst, macht sich nach vielem Hin und Her auf in seine Vergangenheit und wird mit dem Leben konfrontiert…

„[…]Bevor der Fahrer den ersten Gang einlegte und schaukelnd los fuhr, rettete ich mich auf den naechsten freien Sitzplatz, der sich im mittleren Teil des Busses befand. Als ich endlich sass und zu Atem gekommen war, bemerkte ich, dass mir gegenueber ein Grossmuetterchen hockte. Sie war bemueht, ihr Hab und Gut, bestehend aus prall mit Einkaeufen gefuellten diversen Plastiktaschen, zusammenzuhalten. Mit duennen, farblosen Lippen laechelte sie mir zu und rueckte ein Stueck beiseite, damit ich bequemer sitzen konnte. Ich nickte und deutete ein Laecheln an, nicht mehr, um sie nicht zu Vertraulichkeiten zu ermuntern. Doch meine Zurueckhaltung erfuellte ihren Zweck nicht. Schon bevor wir die naechste grosse Kreuzung erreicht hatten, richtete sie das Wort an mich: „Junger Mann, haetten sie wohl die Freundlichkeit, mir an der Haltestelle Herkules-Allee Bescheid zu geben?“ Irritiert blickte ich auf. Schon zum zweiten Mal an diesem Tage hatte mich jemand als „jungen Mann“ bezeichnet. Ich wusste nicht genau, was ich davon halten sollte. Beim ersten Mal haette ich muehelos der Grossvater sein koennen, also tat ich die Anrede als Floskel ab. Meine Busnachbarin und mich trennten hingegen nur wenige Jahre, die sie aelter sein mochte. Mich raeuspernd beeilte ich mich zu antworten: „Gewiss, meine Dame, ich sage rechtzeitig Bescheid.“

„Danke fuer die Muehe!“ Sie erroetete leicht als sei sie ein junges Maedchen. Der Gedanke daran, dass sie und demzufolge auch ich einmal jung und sogar im aehnlichen Alter gewesen waren, verwirrte mich. […] Ich tat, als saehe ich aus dem Fenster, um die tristen Haeuserreihen oder die wenigen Fussgaenger zu betrachten. Insgeheim  beobachtete ich die Alte hinter vorgehaltener Hand. Ihre hellen, blauen Augen, die schon das Ende zu sehen schienen, ihr weisses, sorgfaeltig in Wellen gelegtes Haar und das von feinen Linien ueberzogene Gesicht, ganz wie Krakelee auf einem alten Gemaelde. Wenn ich mit den Augenlidern blinzelte, konnte ich mir muehelos vorstellen, wie sie in frueherer Zeit ausgesehen hatte. Ich ueberlegte, wie damals die Kategorien von Schoenheit benannt wurden. Flott, adrett, kokett. Welche Beschreibung haette ihr gegolten? Ein adrettes Hausmaedchen mit halber, spitzenumrandeter Schuerze, weiss und perfekt gestaerkt? Oder ein flotter Kaefer, ein bisschen vorlaut, modern und unabhaengig? Oder eine Kokette, die gern mit den Maennern schaekerte und nie etwas anbrennen liess?

Die weiche Stimme der Ansagerin liess mich aufschrecken: „Herkules-Allee.“[…]

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  1. Hallöchen,

    ich bin gerade zufällig auf deinen Blog gestoßen. Hübsch hast du’s hier. Bin dir gleich mal gefolgt 🙂

    Deine Geschichte hört sich interessant an. Toll, dass du auch beim NaNoWriMo mitmachst. Ich freue mich schon wieder ganz doll auf das Camp im April. 🙂

    Vielleicht magst du ja auch mal bei mir vorbeischauen. Würde mich freuen.

    Ganz liebe Grüße
    Myna
    von http://www.myna-kaltschnee.com

    • Liebe Myna, ich freu mich, dass Du mich in der großen blogger-Welt gefunden hast und mir sogar folgst! Der NaNoWriMo fesselt mich jedes Mal aufs Neue, ob ich jedoch jemals die 50.000 Wörter schaffen werde… Das Camp im April interessiert mich auch, aber da sind auch Ferien und ich weiß nicht, ob es funktionieren würde. (Aber wo ich so darüber nachdenke, vielleicht ist es eine gute Idee, dort mitzumachen 😉 ) Hast Du schon ein spezielles Projekt? Liebe Grüße zurück, Andrea

    • Schnipsel ist gut 😉 Seit Anfang des Jahres bemühe ich mich, täglich 500 Wörter zu schreiben, egal, welches Projekt… Naja. Ist schwierig! Aber was lange währt, wird gut. (Übrigens habe ich heute Johannes getroffen. Er hatte lange weiße Haare und einen Hipster-Bart! Was meinst Du dazu?)

  2. Pingback: NaNoWriMo 2016 – ich bin dabei – und Du? | andreamaluga

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