Sabine

[…]

Es stellte sich heraus, dass Daniels Eltern nach einem Verwandtenbesuch in München bei der Schwester geblieben und nicht nach Hause zurückgekehrt waren. Daniel war heimlich und auf Irrwegen aus Ost-Berlin zu seinen Eltern in den Westen gelangt. Nun rief er plötzlich an und forderte von Sabine, dass sie, seine Liebste, ihm folgen sollte. Für immer.

Für immer würde sie die eigenen Eltern verlassen, den Bruder, die vielen Freunde, die Kollegen, die Kindheit. Kein Zurück.

Und das Schlimmste – sie würde es mit sich allein abmachen müssen, niemand durfte von ihren Gedanken erfahren. Sie weinte. Horchte, ob es in der Leitung knackte. Das war das Zeichen, das jemand vom Geheimdienst mithörte. Waren sie schon entdeckt? Panik überfiel sie. Schlagartig wurde ihr klar, dass er niemals wiederkommen würde. Republikflucht war strafbar. Auf ihn warteten hier viele Jahre Gefängnis. Sabine wusste, dass schon der Versuch, die Grenze zu überwinden mit hohen Gefängnisstrafen belegt wurde. Hatte schon von Leuten gehört, die nach geglückter Flucht nie wieder ihre zurückgelassenen Familien besuchen durften, trotz aller bilateralen Verhandlungen auf höchster Ebene.

Was sollte sie tun? Alles stehen und liegen lassen? Alle verraten? Sie hatte alles, was sie sich wünschen konnte, war im Urlaub mit den Freunden sogar in Ungarn gewesen, hatte sich für 400 Ostmark amerikanische Turnschuhe und moderne Klamotten gekauft. Sie liebte ihren Beruf als Lehrerin. Kam mit ihrem Geld gut aus. Ihre Wohnung war gemütlich.

War es das? War Daniel der Mann ihres Lebens? Sie beide waren gerade 20 geworden und noch nicht lange zusammen. Wie groß war ihre Liebe? Sie hatten noch nie den Alltag geteilt, jung wie sie waren. Sabine wollte bald ein Kind haben, soviel stand fest. In der Zeitung hatte sie von wenig kinderfreundlichen Hauseigentümern in West-Berlin gelesen, die ihre Wohnungen nicht an Familien vermieteten. Alles Propaganda? Wie viele Gedanken kann man haben in so kurzer Zeit? Sie erbat sich Bedenkzeit und verabredete sich mit ihm für den nächsten Tag am Telefon. […]

Der vollständige Text  ist in meiner Sonderedition „Über Grenzen“ enthalten.

„Sabine“ also available in English now, translation: Anna Burjak & Anna Burjak.

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