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Schreibwerkstatt: Zur Erinnerung an Fukushima – Kirschblüten

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Kirschblüten Mauerstreifen

In der Rubrik „Schreibwerkstatt“ gewähre ich Einblick in meine Gedankenwelt und stelle gekürzte Texte vor, die aus meinen Kurzgeschichten oder kleinen Sammlungen stammen.

Kirschblüten

[…] Außer Atem erreichte sie ihre Haustür, die jemand offen gelassen hatte. Sie glitt in den Flur, kickte den Haken, der die Tür arretiert hatte, aus der Halterung und nahm jeweils zwei Stufen auf einmal. Mit einem dumpfen Knall fiel die Tür hinter ihr zu. Auf dem ersten Treppenabsatz machte sie halt und zog die Morgenzeitung, die halb herausschaute, aus ihrem Briefkasten. Von der ersten Seite sprangen ihr die Buchstaben entgegen: Erdbeben und Tsunami in Japan, Kernkraftwerk Fukushima beschädigt. Tomoyo sackte zusammen.

Absoluter Stillstand. Kein Laut, kein Herzschlag. Nichts.

Was war das? Ein Albtraum? Erlaubte sich jemand einen bösen Scherz? Hektisch raffte sie sich auf. Nein, das Datum stimmte und die Buchstaben trogen nicht. Sie wirbelte herum und in Windeseile raste sie die Stufen zu ihrer Wohnungstür hinauf, riss den Schlüssel aus ihrer Jackentasche, fummelte kurz vergeblich am Türschloss. Erst dann gelang es ihr, die Tür zu öffnen. Tränen liefen über ihr Gesicht. Mit langen Schritten durchmaß Tomoyo ihren Flur, warf den Schlüssel unachtsam auf die Anrichte und rannte in das Wohnzimmer. Dort stand ihr Computer.

Mit fahrigen Bewegungen schaltete sie erst den Strom und dann die Maschine ein, trommelte während des Wartens nervös mit den Fingern auf ihrer Schreibtischplatte herum und murmelte Unverständliches vor sich hin. Endlich fuhr der Computer hoch und sie konnte ein paar Buttons drücken, um mit dem Internet verbunden zu werden. Tatsächlich. Breaking News auf allen tagesaktuellen Seiten. Hastig überflog sie sämtliche relevanten Seiten. Erst die deutschen, dann die englischen und zum Schluss die japanischen. Dort erfuhr sie wie erwartet am wenigsten. Tatsächlich wusste niemand etwas genaues. Sie überlegte, wen sie anrufen könnte. Zu Hause müsste es jetzt später Nachmittag sein. Vielleicht würde Tomoyo ihre Mutter zu Hause erreichen. Energisch wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, ihre Mutter mochte es nicht besonders, wenn Tomoyo sich so aufgelöst zeigte. Nach ein paar Klicks hatte Tomoyo das Bild ihrer Mutter auf dem Bildschirm. Sie schien noch ernster als sonst. Gefasst begrüßte sie ihre Tochter und berichtete sogleich ungefragt von den Ereignissen. Glücklicherweise wohnte niemand, den sie kannten, in dem leidgeprüften Gebiet. Die Mutter ermahnte Tomoyo, ruhig zu bleiben. Die Bevölkerung Japans sei Erdbeben gewöhnt, jeder wusste schon als Kleinkind, wie er sich zu verhalten hatte. Die Unerschütterlichkeit ihrer Mutter übertrug sich seltsamerweise sofort auf Tomoyo, sie spürte, wie die Anspannung und das Sausen in den Ohren nachließ. Das Gespräch endete mit ein paar höflichen Floskeln über die allgemeine Befindlichkeit, dann wurde der Bildschirm grau und Tomoyo war wieder allein.

Sie rieb sich mit den Händen über das Gesicht, diese Geste erfrischte sie immer. Also gut. Sie war hysterisch. Natürlich würden die Japaner alles in den Griff bekommen. Die Deutschen hatten außer ihrem langweiligen Wahlkampf nichts zu berichten und geilten sich deshalb übertrieben am fremden Elend auf. Das Telefon klingelte. Am anderen Ende der Welt und der Leitung war ihr Bruder

Yoshihiro. Entspannt lehnte sich Tomoyo in ihrem Stuhl zurück. Mit Yoshihiro verband sie ein inniges Gefühl, schon als Kinder verstanden sie sich immer großartig, während die anderen Geschwister gern und ausgiebig miteinander zankten. Yoshi, wie sie ihn nannte, nahm seiner Schwester den letzten Zweifel. Natürlich drohe eine Katastrophe und die Situation war sehr ernst, aber schließlich sei er Atomspezialist, er könne die Gefahr einschätzen und sie könne ihrem Bruder vertrauen. Alles würde gut werden. Er ermunterte sie, ihren Urlaub wie geplant zu nehmen und für ein paar Tage nach Malta zu fahren. Erleichtert verabschiedeten sie sich voneinander. […]

Nach ihrer Rückkehr aus Malta, beim Aufschließen der Wohnungstür, fielen Tomoyo ein paar Briefe aus der Hand, sie bückte sich nach ihnen und erkannte auf einem die Schrift ihres Bruders Yoshi. Seit wann schickte er ihr Briefe? Normalerweise schrieben sie einander alle paar Tage e-mails, telefonierten dann und wann oder unterhielten sich via skype. Aber Briefe per Luftpost, so altmodisch? Sie drehte den weißen Umschlag unschlüssig in den Händen. Tomoyo konnte sich gar nicht erinnern, wann sie das letzte Mal diese feinen, kalligraphisch anmutenden Buchstaben gesehen hatte.

In der Diele setzte sie den Koffer ab, legte die andere Post, die Zeitungen und den Schlüssel zur Seite und zog im Laufen die Schuhe von den Füßen. Sie ging in die Küche, nahm sich ein Glas Wasser und setzte sich mit dem Brief an den Frühstückstisch. Ihre Hände begannen zu zittern, ahnungsvoll öffnete sie den Umschlag. […]

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